29.04.2016  Verfasst von Patrick Daut in Agile Methoden Agile Transformation  

Das Scaled Agile Framework

Was steckt dahinter und wann setze ich es ein?

Agile Methoden auch in großen Organisationen, in Konzernen, im klassischen Umfeld und in regulierten Märkten: In den letzten Jahren haben sich eine ganze Reihe von Ansätzen und Frameworks mit dem Ziel entwickelt, die Anwendung agiler Methoden in den beschriebenen Umfeldern zu ermöglichen – und noch immer kommen regelmäßig Neue hinzu. Dabei ist das Scaled Agile Framework (http://scaledagileframework.com), einer der ersten, bekanntesten und wohl am meist diskutierten Ansätze.
Das Scaled Agile Framework, maßgeblich geprägt von Dean Leffingwell, lässt sich am ehesten beschreiben als detailliertes Organisations- und Vorgehensmodell zur Einbettung agilen Vorgehens in einer großen Organisation. Dabei bietet es Ansatzpunkte zur Einbindung der klassischen Unternehmensbereiche.

Fokus
SAFe versteht sich als ein Framework für die Entwicklung von Produkten oder die Umsetzung von Projekten nach agilen und lean Methoden in großen Organisationen. Es spezifiziert dazu eine vorgeschlagene Aufbau- sowie auch eine Ablauforganisation. Dabei bezieht es die Gesamtunternehmung mit ein, beschränkt den Anwendungsbereich nicht auf Software oder hört bei der Betrachtung der reinen Software-Entwicklungsorganisation auf.

Merkmale und Lösungsideen

  • Detailliert spezifiziertes Framework für den gesamten Bereich der Produktentwicklung
  • Aktiv getriebene Weiterentwicklung, aktive Community, ausgeprägter Produktcharakter
  • Definierte Aufbau- und Ablauforganisation, die sich über drei Ebenen verteilt: Portfolioebene, Programmebene und Teamebene. In der jüngsten Version 4.0 des Frameworks wird die optionale Value-Stream-Ebene ergänzt
  • Definierte Rollen mit beschriebenem Verantwortungsbereich
  • Betrachtungsfokus sind die Gesamtentwicklung und die Wertschöpfungsketten, die diese durchziehen
  • Ein zentrales Konzept ist der Agile Release Train (ART) als Mittel zur Koordination mehrerer selbstorganisierter Entwicklungsteams und zu ihrer Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel. Ein ART bildet die nächste Aggregationsebene oberhalb der Teams und fasst mehrere davon zusammen, die beispielsweise an einem gemeinsamen Produkt arbeiten
  • Abhängigkeiten zwischen Teams wird durch dedizierte Koordinationsmechanismen Rechnung getragen, in deren Verantwortung das Management dieser Komplexität liegt. Dazu gehören neben dem Konzept des ARTs selbst auch eine steuernde Rolle pro Release Train und Rollen mit Verantwortung für Querschnittsthemen
  • Kadenz und Synchronisierung der Teams
  • Wertorientierung
  • Fluss- und Pull-Prinzip
  • Bewusste Entscheidungsdelegation als Mittel zu Skalierung
  • Stetige Lieferfähigkeit von Produktinkrementen


Prinzipien und Werte

  • Alignment
  • Qualität als integrales Produktattribut
  • Transparenz
  • Ausführung: Wert liefern


Theoretisches Fundament

  • Lean Thinking
  • Product Development Flow
  • Agile, insb. Scrum


Wann setze ich es ein?

Planen sie die Einführung agiler Vorgehensweisen in einem großen Unternehmen? Oder arbeiten Sie bereits agil mit einigen Entwicklungsteams, wachsen weiter und fragen sich, ob einfache Mechanismen und Adhoc-Kommunikation den steigenden Koordinationsbedarf zwischen selbstorganisierten Teams decken? Stehen sie vor der Frage, ob SAFe für Sie die benötigten Lösungen mitbringt?

In der Praxis zeigen sich hohe Ausprägungen insbesondere der folgenden Einflussfaktoren als wesentlich für den Einsatz von SAFe:

  • Größe der Entwicklungsorganisation
  • Produktkomplexität
  • Hohe architektonische Kopplungsdichte der Lösungen
  • Komplexität in Branche und Markt bspw. durch regulatorische oder Compliance-Vorgaben.

Tendenziell zielt SAFe auf große Organisationen und eine Produktentwicklung mit einer Größe von 12 oder mehr Entwicklungsteams zuzüglich angrenzender Rollen. Das Modell über drei oder gar vier Ebenen bringt ein Portfoliomanagement für die Einlastung mehrerer Produkte oder Projekte auf die bestehenden Ressourcen mit. Entscheidender: Seine Programm-Ebene bietet Lösungen zur Koordination vieler Entwicklungsteams, die gemeinsam an einem Produkt arbeiten. Die im Framework detailliert definierten Rollen und deren Zusammenspiel geben der Organisation Mittel an die Hand, auch in Branchen mit beispielsweise hohen regulatorischen Anforderungen an Prozess oder Produkt Nutzen aus agilen Methoden zu ziehen.
Einen anderen entscheidenden Aspekt konnte ich vielfach in der Begleitung agiler Transformationen beobachten: Verfügt eine große Organisation über wenig Erfahrung mit agilen Methoden, kann sie sich mit der Einführung über ein Framework mit sehr konkreten Rollen und Abläufen – praktisch als Hilfsmittel – deutlich leichter tun. Wir können dies analog schon bei einzelnen Teams feststellen: Scrum bietet einem Team anfangs mehr Orientierung als beispielsweise Kanban. Sind die zugrundeliegenden Ideen und Konzepte verinnerlicht und werden sie gelebt, kann das umgebende „Gerüst“ durchaus verschlankt werden.
Dennoch: SAFe stellt längst nicht für jede Organisation das Mittel der Wahl dar. Der vergleichsweise hohe Overhead für Koordination und Planung verliert seine Wirksamkeit bei der Entwicklung zeitkritischer und stark veränderlicher Produktentwicklung. Wie eingangs erwähnt bietet der Markt inzwischen eine ganze Reihe an Alternativen für verschiedene Anwendungsbereiche. Ein Framework zur Skalierung von Agilität kann nur als Methodik verstanden werden, deren Einsatz situativ entschieden werden muss.

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Der Autor

Patrick Daut
Senior Consultant