10.05.2019  in Agile Methoden  

Agile Werte – eine Bestandsaufnahme (Teil 2/2)

Das Agile Manifest benennt vier Wertepaare für eine erfolgreiche Softwareentwicklung. Im zweiten Blogbeitrag nimmt Sabine Kunigowski die letzten zwei Wertepaare kritisch unter die Lupe.

Im Blogbeitrag der vergangenen Woche haben wir uns zwei Leitsätze des Agile Manifests angeschaut.

  • Individuen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge.
  • Funktionierende Software ist wichtiger als umfassende Dokumentation.


Sie beschreiben jeweils Werte, die in einem Spannungsfeld stehen und den Rahmen für erfolgreiches Arbeiten im agilen Kontext setzen. Vorausgesetzt, man hat ihr Wirkprinzip verinnerlicht und kennt ihre Gegenspieler.  Wenden wir uns heute den beiden weiteren Wertepaaren zu.

3. Wertepaar: „Zusammenarbeit mit dem Kunden“ und „Vertragsverhandlungen“

Das Agile Manifest sagt: Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als Vertragsverhandlungen.

Was bedeutet das? Vertragsverhandlungen sind wichtig, denn wenn der Auftrag nicht geklärt ist, dann gibt es Missverständnisse, was gefordert beziehungsweise erwartet wird und was geliefert wird. Besonders bei großen Projekten mit vielen Beteiligten ist es wichtig zu klären, wer wofür verantwortlich ist. Und wofür nicht.

Dabei sollte man den Vertragspartner aber eben als Partner und nicht als Gegner sehen, denn der Vertrag regelt die Zusammenarbeit. Und wenn eine vertrauensvolle Basis besteht, dann werden Vertragsangelegenheiten zur Nebensache.

Wieso ist das besonders in agilen Projekten wichtig? Im agilen Kontext ist Transparenz ein sehr wichtiger Wert. Daher wissen auch alle Beteiligten, dass nicht alle Ecken des Projektmanagement-Dreiecks (Time-Scope-Budget) maximiert werden können. Und da Qualität ebenfalls ein hohes Gut in agilen Projekten ist, bedeutet das, dass man bei den anderen Punkten flexibel sein muss.

  • Der Go-Live-Termin steht fest? Okay, dann schauen wir mal, welche Features im ersten Release nicht enthalten sein müssen. Und zusätzlich prüfen wir, ob es sich lohnt, das Team zu vergrößern.
  • Der Feature-Umfang steht fest? Kein Problem! Auch hier können wir überlegen, welche Teamgröße optimal ist, aber einen Endtermin für das erste Release können wir noch nicht nennen.
  • Die Kosten sind fix? Kriegen wir hin! Wir arbeiten mit dem kleinstmöglichen Team und besprechen regelmäßig, welches die nächstwichtigen Features sind.


Das ist Zusammenarbeit mit dem Kunden, um ihm dabei zu helfen, ein erfolgreiches Projekt durchzuführen.

Anforderungen
Neben den Verhandlungen über die Verträge geht es hier aber auch um die Verhandlungen über Anforderungen. Diese sollen als User Storys beschrieben und laut INVEST „negotiable“, also verhandelbar sein. Außerdem lautet das 2. Prinzip zum Agilen Manifest: Heiße Anforderungsänderungen selbst spät in der Entwicklung willkommen. Agile Prozesse nutzen Veränderungen zum Wettbewerbsvorteil des Kunden.

Es ist also wichtig, gemeinsam mit dem Kunden die beste Lösung zu finden. Und die kann sich ändern. Selbst wenn es schon ein abgenommenes Konzept zu einem Feature gibt. Setzt man auf den PDCA-Zyklus (plan, do, check, act) dann darf sie sich auch danach gerne noch ändern. Frei nach Helmuth von Moltke: „Keine Anforderung überlebt den ersten Kundenkontakt.“

Wenn man sich hier gemeinsam auf den Wert fokussiert anstatt auf Abweichungen, kann man großartige Produkte entwickeln. Und wieder lohnt ein Blick auf das Wertequadrat.

Ausgewogenes Verhältnis
Auf der Grundlinie ist wieder alles im grünen Bereich, bei agilen Projekten hält man sich weiter links auf.

Was ist, wenn man es mit den Vertragsverhandlungen übertreibt? Dann findet man sich mitten in einer Anwaltsschlacht wieder.

  • Die Verträge sollen so wasserdicht sein, dass hinterher niemand mehr versteht, was da eigentlich alles geregelt wurde.
  • Streitigkeiten sind vorprogrammiert, denn jeder erwartet, vom anderen über den Tisch gezogen zu werden.
  • Das liegt an dem fehlenden Vertrauensverhältnis. Vertrauen erlangt man nur, indem man Vertrauen gibt. Wenn man alles regeln will, erzeugt das kein Vertrauen.
  • Da man nicht anfangen darf, bevor nicht alles genau geregelt wurde, verzögert sich der Projektstart. Das Ende natürlich nicht.
  • Wenn schon der Projektstart so bürokratisch gehandhabt wird, ist es am sichersten, man arbeitet auch im Projekt nach dem klassischen Wasserfall. Keine Zeile Code, bevor das Konzept nicht abgenommen wurde!


Aber was passiert, wenn man es mit der Zusammenarbeit übertreibt? Das fördert Klüngelei.

  • In einer rechtsfreien Zone ist nichts geregelt, jeder darf machen, was er will, niemand ist verantwortlich.
  • Wenn es keine Zusagen oder belastbaren Aussagen gibt, wie soll man da einen Plan erstellen?
  • Alles geschieht auf Zuruf. Niemand weiß, was eigentlich mal besprochen oder beschlossen wurde (was ein wichtiger Unterschied ist!).
  • Wenn der Kunde mein bester Freund wird, möchte ich ihm alles recht machen. Vielleicht rechter als meinem Team?
  • Kumpelhaftes Verhältnis schön und gut, aber kann man sich dann noch professionell verhalten?


4. Wertepaar: „Reagieren auf Veränderungen“ und „
Befolgen eines Plans“

Das Agile Manifest sagt: Reagieren auf Veränderungen ist wichtiger als das Befolgen eines Plans.

Was bedeutet das? Einen Plan zu haben ist wichtig. Ohne einen Plan lässt sich Arbeit nicht organisieren. Und nur, wenn man einen Plan hat, kann man auch merken, dass es nicht nach Plan läuft und Gegenmaßnahmen einleiten. Wie sagte schon Dwight D. Eisenhower? „Pläne sind unwichtig, aber Planen ist alles.“ Es wird nie genau nach Plan laufen. Aber das bedeutet nicht, dass man keinen Plan erstellen sollte. Besonders wenn viele Menschen an der Durchführung beteiligt sind, ist es wichtig, dass sie sich abstimmen, dass sie vorher Vor- und Nachteile unterschiedlichen Vorgehens diskutieren und sich dann auf den für alle gemeinsam besten Weg einigen.

Aber alle sind sich bewusst, dass es eben nur ein Plan ist, ein theoretisches Konstrukt. Sobald der Plan in die Durchführung gelangt, wird es Anpassungen geben müssen. Rahmenbedingungen ändern sich, Menschen handeln anders als vorausgesagt wurde, nicht alle Lösungen lassen sich so umsetzen wie gewünscht. Auf diese Veränderungen muss reagiert und der Plan entsprechend gemeinsam angepasst werden. Und es braucht mutige Entscheidungen.

Warum mutig?
Wenn man sich schützen möchte, hält man sich an den Plan. Dann kann man hinterher immer sagen: Ich habe nichts falsch gemacht, ich habe so gehandelt, wie es abgesprochen war. Aber ist das die beste Lösung für das zu erreichende Ziel gewesen? Manchmal muss man eben doch selber entscheiden, wie man in einer Situation handeln möchte. Und wenn man dafür eine gute Begründung hat, lässt sich auch nachvollziehen, warum man so gehandelt hat: Nach bestem Wissen und Gewissen mit dem gemeinsamen Ziel vor Augen.

Agile Planung
Beim agilen Planen ist hierbei besonders wichtig, dass nur die nächsten Schritte detailliert geplant und alles was weiter in der Zukunft liegt, nur grob geplant wird. Zum einen reduziert man dadurch den Aufwand beim Umplanen. Zum anderen wird dadurch transparent, dass eben diese Dinge, die in der Zukunft liegen, noch gar nicht genau geplant werden können.

Ausgewogenes Verhältnis
Übertragen auf das Wertequadrat stehen Reagieren auf Veränderungen und das Befolgen eines Plans auf der Grundlinie. Bewegt man sich dort, so ist alles im grünen Bereich. Bei agilen Projekten hält man sich weiter links auf.

Was ist, wenn man es mit dem Befolgen eines Plans übertreibt? Dann hilft nur noch beten, denn man verfolgt die Taktik „Augen zu und durch“.

  • Alle wissen, dass der Plan zum Scheitern verurteilt ist, dennoch hoffen alle auf ein Wunder, dass es doch noch irgendwie klappt. Aber sie rennen dabei blind (oder sehenden Auges) ins Verderben.
  • Die Risiken werden nicht gemanagt, sondern ignoriert.
  • Die Realität wird nicht wahrgenommen wie sie ist. Der Plan spiegelt angeblich die Realität wieder, die Wirklichkeit stört hier nur.
  • Das Team wird demotiviert. Egal wie sehr es sich anstrengt und Überstunden macht, alle Hinweise werden ignoriert und das Projekt scheitert auf Grund von schlechten Ergebnissen.


Aber was passiert, wenn man es mit dem Reagieren auf Veränderungen übertreibt? Dann richtet man sich wie ein „Fähnlein nach dem Wind“.

  • Man ist durch seine Sprunghaftigkeit überhaupt nicht mehr verlässlich.
  • Die Projektorganisation versinkt im Chaos, da keine gemeinsame Richtung mehr erkennbar ist. Es steckt keine Strategie hinter den Entscheidungen.
  • Dinge werden begonnen aber nicht beendet, weil immer etwas anderes plötzlich wichtiger ist. Das führt zu massiver Verschwendung.


Fazit
Das Agile Manifest ist die Grundsäule agilen Vorgehens. Die Auseinandersetzung mit den darin enthaltenen Wertepaaren ist daher eine wichtige Aufgabe für alle Projektbeteiligten und auch die beteiligten Organisationen. Dabei gibt es kein Richtig oder Falsch, sondern ein ständiges Austarieren zwischen zwei wichtigen Werten, um zur besten Entscheidung zu kommen.

Die Gastautorin:
Sabine Kunigowski
Senior IT Specialist beim Cassini
Schwesterunternehmen Aleri Solutions
agile(@)no-spam.cassini.de